Ein Anfall

Plötzlich bin ich nicht mehr ich. Jetzt ist alles schwarz. Die Tränen laufen mir unkontrolliert über mein Gesicht. Ich sehe nicht mehr klar. Meine Gedanken sind nicht von mir gesteuert. Ich fühle mich nicht mehr. Es kommt mir so vor, als wäre ich eine andere Person. Ich zittere am ganzen Körper. Die Kontrolle über mich liegt nicht mehr in meiner Hand. Und danach habe ich auch noch Gedächtnislücken. Das alles gehört für mich zu einem richtigen Anfall.

Ich erkläre hier jetzt nur, wie sich Anfälle bei mir äußern und ablaufen. Wie es bei anderen Borderlinern ist, kann ich nicht sagen. Ich habe mich mit ein paar unterhalten und hier und da gibt es Überschneidungen, aber es ist immer etwas anders. Bei mir gibt es auch unterschiedliche Anfälle.

Wie ein Anfall beginnt

Das ist meistens sehr spontan, wenn ich einen Anfall bekomme. Am Morgen ist alles gut. Dann bin ich mit Freunden unterwegs und mir geht es wirklich richtig gut. Ich kann mich nicht beklagen. Doch plötzlich weine ich einfach. Es ist aber nichts passiert und gerade habe ich noch von ganzem Herzen gelacht. Dann halte ich inne. Ich merke, dass gerade irgendwas nicht stimmt. Ich bin komplett angespannt und fange an zu zittern. Mein Kopf ist leer. Ich bin leer. Und dann kommt es darauf an, wie ich weiter vorgehe und wie stark oder schwach ich gerade bin.

Es gibt aber auch Tage, an denen wache ich schon mit einem angespannten Gefühl auf. Das sind schlimme Tage. An denen habe ich immer Angst, dass ich gleich einen Anfall bekomme und an solchen Tagen gehe ich ungern raus oder sehe andere Menschen.

Meine Gedanken stecken den ganzen Tag im Gedankenkarussell fest. Ich denke über alles möglich nach, aber nie richtig. Ein Gedanken beginnt und dann bricht er plötzlich ab und ein neuer beginnt. Das geht den ganzen Tag so und ich kann mich auf nichts und niemanden konzentrieren. Wenn ich probiere, mich auf was anderes zu konzentrieren, werden die Gedanken immer lauter und fangen irgendwann an, mich anzuschreien. Wenn ich mich einfach hinlege und die Gedanken beobachte, wie sie an mir vorbeiziehen, drehe ich irgendwann durch, weil die Gedanken nie enden zu scheinen.

Manchmal probiert sich so ein Anfall aber auch anzuschleichen. Ich merke plötzlich irgendwann, wie meine Stimmung umschlägt und ich nicht mehr lächel. Dann merke ich auch schon die Anspannung im Körper. Dann weiß ich, dass ich gleich mitten im Anfall bin, wenn ich jetzt nichts dagegen mache. Manchmal kann ich aber leider trotzdem nichts dagegen machen.

Ablauf eines Anfalls

Wie ich es oben schon erwähnt habe, gibt es unterschiedlich Anfälle von mir. Bei dem ersten Beispiel, fing ich plötzlich an zu weinen und zitterte. Wenn es soweit ist, muss ich schnell handeln, weil ich am liebsten ohne neue Narben aus diesem Anfall herauskommen möchte. Es ist aber immer unterschiedlich, was gerade hilft oder was mir gerade schaden würde.

Manchmal muss ich einfach weg. Ich bekam zu Hause einen Anfall und dann schrieb ich einem guten Freund, der in meiner Nähe wohnt. Ich fragte, ob er kurz Zeit hätte, weil ich gerade einen Anfall habe. Glücklicherweise hatte er Zeit. Er fragte mich, ob er vorbeikommen soll. Ich verneinte es, weil ich in diesem Falle einfach nicht länger in meiner Wohnung bleiben konnte. Ich musste hier weg. Planlos lief ich hier durch die Wohnung und hatte einen Weinkrampf. Ich konnte mich erst langsam wieder beruhigen, als ich die Wohnung verließ. Als ich dann bei dem besagtem guten Freund ankam und wir uns unterhielten, konnte ich mich wieder komplett beruhigen.

An anderen Tagen ist es bei Anfällen so, dass ich mich zurückziehe und lieber für mich alleine bin, damit ich in Ruhe innerlich dagegen ankämpfen kann. Wieder bei anderen Anfällen, brauche ich einfach bloß Menschen um mich. Am besten aber Freunde, denen ich was bedeute.

Manche Anfälle kann ich einfach bekämpfen, indem ich mir die ganze Zeit einrede, dass es mir gut geht und gar nichts los ist. Bei einem Anfall kann ich meine Gedanken nämlich nicht mehr kontrollieren. Ich bin dann sozusagen ferngesteuert. Eine fremde Stimme redet mir viel Negatives ein. Wie zum Beispiel, dass mich keiner mag.. Dass ich immer alles falsch mache.. Oder ich bloß Probleme mache.. Dass ich allen egal bin.. Dass es niemandem auffallen würde, wenn ich weg wäre.. Und wenn ich diese Stimme bis dahin nicht aufhalten konnte, redet sie mir ein, dass es keinen Sinn mehr hat weiterzuleben und ich mich umbringen sollte. Wenn es soweit ist, fange ich an mich selbst zu verletzen.

Was passiert nach einem Anfall?

Wenn es so weit gekommen ist, dass ich dem Anfall nicht standhalten konnte und mich selbst verletzt habe, komme ich danach aber langsam wieder zur Besinnung. Dann ist das erste, was ich mache, die Blutung zu stoppen. Danach säubere ich die Wunde und verbinde sie. Meine Schnitten waren bisher zum Glück noch nie so tief, dass ich damit zu einem Arzt musste oder zu viel Blut verloren habe. Alle verheilen sehr gut. Nachdem ich mich aber sozusagen verarztet habe, fange ich an mich zu hassen und weine wieder. Diesmal ganz bewusst. Ich bin dann enttäuscht von mir, weil ich nicht stark genug war. Was eigentlich quatsch ist. Wenn ich nämlich zu schwach wäre, könnte ich diesen Beitrag hier jetzt nicht schreiben.

Nachdem ich meine Selbstzweifel aber auch über Bord geworfen habe, entspanne ich mich langsam wieder und höre auf zu zittern. Durch das zittern, kribbelt es überall noch ein wenig, aber auch das verschwindet schnell wieder. Danach gehe ich oft den Anfall nochmal durch, um zu gucken, was passiert ist und ob ich den Anfall früher hätte stoppen können. Dabei fällt mir aber immer wieder auf, dass ich Lücken habe. Ich kann mich nicht mehr an alles genau erinnern. Hier und da fehlt mir der Zusammenhang und das obwohl so ein Anfall bei mir meistens nur 15-20 Minuten dauert. Letztens gab es einen Ausnahmefall. Da steckte ich 2 Stunden in einem Anfall fest. Ausnahmen gibt es aber immer und überall.

Mein Fazit

Ich bin sicher nicht stolz auf meine Anfälle und Narben, aber es gehört momentan halt einfach zu mir. Ich muss es akzeptieren und das tue ich auch. Jede einzelne Narbe zeigt mir, dass ich stärker als die Krankheit war. Die Anfälle hören vielleicht irgendwann auf, aber die Narben bleiben ein Leben lang. Früher dachte ich, dass Menschen mit Narben, schwach seien. Mittlerweile ist mir klar, dass ich falsch lang.

Vor Menschen mit Narben ziehe ich meinen Hut. Denen ging es wahrscheinlich sehr schlecht und vielleicht spielten sie sogar mit dem Gedanken, das ganze zu beenden. Sie haben es aber geschafft, dagegen anzukämpfen. Immer wieder und wieder. Ich weiß nämlich selber ganz genau, wie schlimm so ein Anfall sein kann. Man braucht unbeschreiblich viel Kraft und Durchhaltevermögen, um zu gewinnen. Wenn ich einen Anfall hatte, ist meine ganze Energie weg und ich bin sehr schlapp. Und hiermit möchte ich allen da draußen Kraft geben, um alle weiteren Anfälle zu gewinnen. Denkt immer daran, dass ihr nie alleine seid.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Beiträge abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Ein Anfall

  1. Pingback: Symptome von Borderline - Mein Leben als BorderlinerinMein Leben als Borderlinerin

  2. Jessica Zühlsdorff sagt:

    Das ist heftig… So krass geht es mir nicht.
    Aber ähnlich!

    • Tataa98 sagt:

      Anfälle verlaufen auch immer anders. Die Art von Anfall die ich hier beschrieben habe, gehört mit zu den schlimmsten Anfällen die ich habe. Natürlich habe ich auch immer wieder schwächere Anfälle zwischendurch.
      Zudem verlaufen Anfälle auch bei jedem Menschen anders und jeder empfindet es anders.
      Es freut mich, dass es bei dir nicht so schlimm ist. Ich wünsche dir trotzdem natürlich weiterhin ganz viel Kraft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.